„Du bist also Deutscher, kannst du auch Deutsch sprechen?“ – Mit dieser für mich irritierenden Frage wurde ich mehrfach konfrontiert, als ich ein Jahr lang in Toronto gelebt habe.
Was antwortet man darauf? War die Frage überhaupt ernst gemeint oder versucht der Gegenüber einen zu veräppeln? „Äh, ja“ oder „Ich denke schon“? Wie kommt jemand auf die Idee, dass ich die Sprache des Landes nicht sprechen könnte, aus dem ich komme? Welche Erfahrungen von kultureller und nationaler Zugehörigkeit hat ein Mensch gemacht, der eine solche Frage stellt?
Den Zusammenhang habe ich erst verstanden, als ich Fragen gestellt habe, die aus Sicht der Befragten vermutlich ähnlich verwirrend waren. Als ich den Namen meiner Frisörin sah, habe ich sie auf ihre Herkunft angesprochen, denn der Name schien mir osteuropäisch zu sein. Ja, sagte sie, sie sei Polin. Oh, da waren wir ja quasi Nachbarn. Wie lange sie schon in Kanada sei? Sie sei in Toronto geboren. Ihre Eltern kämen aus Polen und sie wäre schon ein paar Mal dort gewesen, um Verwandte zu besuchen.
Ähnlich war es, als ich mich mit einer Bekannten über ihre Herkunft unterhalten habe. Sie sei Italienerin. Nein, nein, sie sei in Kanada geboren und habe das Land nie verlassen. Aber ihre Eltern und Großeltern wären in Italien geboren. Deshalb sei sie Italienerin.
In Kanada habe ich ein völlig neues Verständnis von nationaler und kultureller Identität kennengelernt. Leute bezeichneten sich dort als Polen, Italiener oder Inder, obwohl sie in Kanada geboren wurden, möglicherweise noch nie die kanadische Grenze überquert haben und die Sprache dieses Herkunftslandes gar nicht sprechen. In der kanadischen Einwanderungsgesellschaft identifizierten sich viele Menschen mehr mit der Herkunft der Eltern als mit dem eigenen Geburtsland. So erscheint die Frage gar nicht mehr abwegig, ob man auch die Sprache des eigenen „Herkunftslands“ sprechen kann.