Im Wahlkampf zur Kommunalwahl 2026 in Cremlingen ging es in der zweiten Runde um das Bildungs- und Begegnungszentrum (BBZ) und ich möchte die Beiträge der CDU und SPD tiefgehend analysieren, nachdem ich die erste Runde zum Doppelhaushalt bereits ausführlich betrachtet hatte.
Am 14. Februar wurde eine Pressemeldung von Volker Brandt veröffentlicht, Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Cremlingen. Die Reaktion von Jens Drake erschien am 19. Februar. Herr Drake ist Ortsbürgermeister von Cremlingen und SPD-Kandidat für das Amt des Bürgermeisters der Gemeinde Cremlingen.
Die Auseinandersetzung drehte sich um das BBZ, dessen Darstellung durch die SPD, den Anteil der CDU am Bau des BBZ sowie Mängel im Betrieb und den Umgang der Verwaltung mit diesen Mängeln.
Herr Brandt und Herr Drake sind sich in einigen Punkten einig:
- Das BBZ ist ein Zugewinn für die Gemeinde.
- Die Ausstattung des BBZ hat noch Mängel.
- Die Abarbeitung der Mängel dauert lange.
- Die Verwaltung des BBZ lief bisher nicht optimal.
Es gibt aber auch klare Uneinigkeit:
- Ob die Darstellung des BBZ in einem Flyer der SPD angemessen ist, insbesondere:
- Ob das BBZ eine Erfolgsgeschichte ist.
- Ob es vollständig nutzbar ist.
- Wo die Flyer verteilt wurden.
- Welche Anteile SPD und CDU an der Errichtung des BBZ hatten.
- Ob das Mängel-Management durch den Bürgermeister und die Verwaltung angemessen ist.
Diese Uneinigkeiten möchte ich im Detail betrachten.
Analyse der Werbebotschaften im SPD-Flyer
Herr Brandt wirft der SPD vor, in einem Flyer einseitig positiv über das BBZ zu berichten. Demnach lese sich „[d]ieser Flyer […] wie eine Erfolgsgeschichte ohne jede Bodenhaftung“.
Sowohl Herr Brandt als auch Herr Drake haben mir auf Nachfrage Fotos des Flyers zugeschickt. Aus Respekt vor der Urheberschaft der SPD verzichte ich auf eine Abbildung, analysiere jedoch die enthaltenen Werbebotschaften.
Inhalte des Flyers:
- Klare Kennzeichnung als SPD-Werbung auf Vorder- und Rückseite
- Explizite Beanspruchung des BBZ als Leistung der SPD
- Beschreibung der Zielsetzung und Nutzungsmöglichkeiten des BBZ
- Vermittlung des Eindrucks der vollständigen Nutzbarkeit
- Beschreibung bestehender Nutzung
- Beschreibung der Räumlichkeiten mit Größe und Aufteilung
- Kontakt für Vermietung durch die Gemeinde
- Entwurf im Dezember 2025
Keine Darstellung einer Erfolgsgeschichte
Herr Brandt kritisiert eine Darstellung des BBZ als „Erfolgsgeschichte“ und „reibungslos laufende[s] Vorzeigeprojekt“.
Allerdings kann ich auf dem Flyer keine Darstellungen zum Projektverlauf finden. Der Flyer beschreibt insbesondere Zielsetzung und Nutzungsmöglichkeiten des BBZ. Ob dies mit einem vorbildlichen oder katastrophalen Projektverlauf erreicht wurde, lässt sich aus dem Flyer nicht ablesen. Insofern kann ich Herrn Brandts dahin gehende Kritik nicht nachvollziehen.
Falscher Eindruck der vollständigen Nutzbarkeit
Herr Brandt kritisiert weiter, dass „es noch erheblichen Probleme gibt“ und bemängelt die Diskrepanz zwischen „mediale[r] Darstellung und tägliche[r] Wirklichkeit“.
Diese Kritik halte ich für berechtigt. Denn der Flyer vermittelt mir sehr wohl den Eindruck, dass das BBZ vollständig nutzbar sei. Die von Herrn Brandt kritisierten „organisatorische[n] Mängel“ und das Fehlen „etliche[r] bestellte[r] Möbel“ werden nicht erwähnt. Das ist in einem Werbe-Flyer wenig überraschend, erweckt jedoch einen falschen Eindruck.
Diese die heutigen Mängel verschweigende Darstellung ist aber nur dann relevant, wenn die Flyer vor der Mängelbehebung verteilt wurden. Das scheint teilweise der Fall zu sein, aber anscheinend auch nicht großflächig.
Vermutlich vorzeitige Verteilung
Herr Brandt behauptet, die Flyer seien „den Haushalten der Gemeinde Cremlingen ins Haus [ge]flattert“. Herr Drake verteidigt sich mit der Erklärung, der Flyer solle erst nach Mängelbeseitigung verteilt werden.
Laut Herrn Brandt seien die Flyer in Hemkenrode verteilt worden, von wo aus er den Flyer erhalten habe. Herr Drake vermutet eine Verteilung in Destedt. Ich persönlich habe in Schandelah keinen solchen Flyer erhalten.
Ich nehme an, dass der SPD ein Fehler unterlaufen ist, indem der Flyer teilweise verteilt wurde, so auch Herrn Brandt erreichte und für ihn Anlass zur Kritik war. Gleichzeitig erscheint es glaubhaft, dass die SPD den Flyer noch nicht verteilen wollte, weil er sonst wahrscheinlich großflächig und nicht nur vereinzelt verteilt worden wäre.
CDU stimmte gegen den Bau des BBZ
Aus dem Text von Herrn Brandt geht klar hervor, dass er der SPD vorwirft, einseitig die Lorbeeren für das BBZ zu beanspruchen. Er schreibt „die Errichtung des BBZ wurde seinerzeit […] durch einen breiten mehrheitlichen Beschluss des Gemeinderates ermöglicht, an dem alle Parteien beteiligt waren.“
Tatsächlich beansprucht der Flyer das BBZ explizit als Leistung der SPD. Diesen Anspruch bestätigt Herr Drake und verweist darauf, dass „das Abstimmungsergebnis sehr deutlich nicht die breite Mehrheit darstellt“. Deshalb stellt sich die Frage, ob die SPD die Leistung zurecht für sich beansprucht oder ob es wie von Herrn Brandt dargestellt, eine Leistung aller Parteien war.
Beide Texte erwähnen Günter Eichenlaub als Initiator bzw. Unterstützer des BBZ, geben aber dessen Parteizugehörigkeit nicht an. Mir als Zugezogenem sagte der Name nichts, aber eine kleine Internet-Suche ergab schnell, dass Herr Eichenlaub CDU-Mitglied war, von 1998 bis 2014 Bürgermeister der Gemeinde Cremlingen und anscheinend über Parteigrenzen hinweg sehr geschätzt wurde. Es besteht also Einigkeit, dass das BBZ auch CDU-Wurzeln hat.
Im Protokoll der 9. Sitzung des Rates Gemeinde Cremlingen vom 21. Februar 2023 findet sich der Tagesordnungspunkt (TOP) 13 mit dem Titel „Bildungs- und Begegnungszentrum Cremlingen“ auf den Seiten 8 bis 10. Darin enthalten ist der „Beschluss zur Durchführung der Gesamtmaßnahme Vorlage: X/222-2“.
Das Abstimmungsergebnis:
16 Ja-Stimmen, 12 Nein-Stimmen, 0 Enthaltungen
Dieses Abstimmungsergebnis erfolgte, nachdem Herr Brandt laut Protokoll ausführte, dass „die Umsetzung finanziell nicht darstellbar“ sei, die Gemeinde „zunächst […] ihre Pflichtaufgaben wahrzunehmen“ habe, zumal „zeitgleich eine Erhöhung der Hebesätze in Rede“ stehe.
Nachdem Herr Brandt „den Antrag auf schriftliche Abstimmung“ gestellt hatte, fand anscheinend eine geheime Abstimmung statt. Trotzdem fällt auf, dass die 16 zu 12 Stimmen exakt den politischen Lagern der laut Protokoll Anwesenden entsprechen:
- 11 SPD + 4 Grüne + 1 Die Linke = 16
- 9 CDU + 1 FDP + 1 Haie + 1 Die Basis = 12
Ich habe Herrn Brandt per E-Mail mit dem Protokoll konfrontiert. Er hat in seiner Antwort bestätigt, dass die CDU-Fraktion in dieser Abstimmung gegen den Bau des BBZ gestimmt hat.
Herr Brandt hat auf meine Frage, Nachfrage und im persönlichen Gespräch nach der Gemeinderatssitzung am 3. März nicht erklärt, wie er entgegen der protokollierten Abstimmung zu seiner Behauptung eines „breiten mehrheitlichen Beschluss[es]“ kam.
Es steht fest, dass die CDU in der entscheidenden Abstimmung gegen den Bau des BBZ gestimmt hat. Folglich ist die Beanspruchung des BBZ als Leistung der SPD im Flyer zulässig. Eine CDU-Beteiligung an der Entscheidung zum Bau des BBZ – wie von Herrn Brandt behauptet – ist dagegen widerlegt.
Unbenommen davon ist, dass sich die CDU anscheinend schon unter dem Bürgermeister Herrn Eichenlaub für ein Gebäude als Treffpunkt der Menschen eingesetzt hatte. Aber das BBZ in dieser Form hat die CDU abgelehnt.
Mängel durch Lieferverzögerungen und Personalengpässe
Ein Kernpunkt des Streits ist die Frage, ob die bestehenden Mängel im BBZ normale „Kinderkrankheiten“ oder Zeichen eines tiefergehenden Managementversagens sind. Die zeitliche Abfolge der Ereignisse, die sich aus den Ratsprotokollen ergibt, zeichnet ein differenziertes Bild.
Dem Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 16. Dezember 2025 ist zu entnehmen, dass sich Herr Brandt bereits nach den fehlenden Möbeln erkundigt und die Verwaltung geantwortet hatte:
Herr Brandt berichtet, dass ihm auch zugetragen wurde, es gäbe kein Mobiliar für das BBZ. Frau Pessel teilt mit, dass der Liefertermin der im April d. J. bestellten Tische und Stühle für August / September avisiert war, mehrfach verschoben und nun für die 10. Kalenderwoche 2026 fest bestätigt wurde. Das BBZ ist vorübergehend mit Stühlen und Tischen aus anderen Bereichen ausgestattet worden.
Auch die Erreichbarkeit der Verwaltung für Belegung und Buchungen wurde thematisiert:
Herr Brandt trägt […] vor […]. Bislang kamen aus der Verwaltung die Rückmeldungen auf Anfragen sehr verzögert.
Herr Schildener teilt mit […]. Momentan gab es einen Personalengpass, so dass die Bearbeitung von Anfragen nur entsprechend zögerlich erfolgen konnte.
Folglich hatte Herr Brandt bereits knapp zwei Monate vor seiner Pressemitteilung Erklärungen der Verwaltung zu seinen Kritikpunkten bekommen.
Die Sicht der CDU: Herr Brandt kritisiert diesen Verzug scharf. Für ihn ist ein halbes Jahr ohne vollständige Möblierung bei einer solchen Investitionssumme anscheinend unprofessionell. Er bemängelt zudem strukturelle Defizite: Dass moderne Standards wie ein Online-Belegungsplan – vergleichbar mit Buchungssystemen für Ferienwohnungen – gar nicht eingeplant gewesen wären, wertet er als mangelnde Weitsicht.
Die Sicht der SPD: Herr Drake hingegen nimmt die Verwaltung in Schutz. Er verweist auf externe Faktoren wie Lieferschwierigkeiten und Personalengpässe, die auch die Erreichbarkeit bei Buchungsanfragen zeitweise einschränkten. Sein Fokus liegt auf der pragmatischen Lösung: Wo die Struktur hakt, greift er als Ortsbürgermeister zum Telefon, um kurzfristig Abhilfe zu schaffen.
Auf meine detaillierten Fragen zur Schwere der Mängel und zur internen Organisationsweise reagierte die Gemeinde Cremlingen zurückhaltend und verwies auf eine für Mitte März angekündigte Pressemitteilung.
Meine Interpretation
Zwischen Herrn Brandt und Herrn Drake besteht eine Meinungsverschiedenheit, die sich aus den unterschiedlichen Ansprüchen zu ergeben scheint.
Herr Brandt sieht die Investitionssumme, hätte sie nicht für das BBZ ausgegeben und formuliert deshalb einen hohen Anspruch. Überspitzt: Wenn diese Summe schon ausgegeben wird, dann doch bitte professionell.
Herr Drake sieht sein eigenes Engagement und seine persönliche Investition von sehr viel Zeit und Mühe, um das BBZ zu bauen. Überspitzt: Wir haben neben dem Geld unglaublich viel Herzblut investiert und tun das weiterhin. Was wollt ihr denn noch mehr?
Fazit
Auf der emotionalen Ebene kollidieren die Positionen von Herrn Brandts Anspruch und Herrn Drakes Engagement.
Auf der sachlichen Ebene kreidet Herr Brandt die Mängel und deren aus seiner Sicht zu langsamer Behebung der SPD an. Da der Bürgermeister Herr Kaatz zur SPD gehört und die SPD-Fraktion im Rat die Mehrheit hat, finde ich das gerade im Wahlkampf nachvollziehbar. Die SPD beansprucht die Lorbeeren in ihrem Flyer zurecht. Dagegen ist die Behauptung falsch, die CDU habe einen Anteil am Bau des BBZ gehabt.
Wie schwerwiegend die Mängel tatsächlich sind und inwieweit die Mängel und deren Behebungsdauer vom Bürgermeister und der Verwaltung zu verantworten sind, ist für mich aktuell nicht zu beurteilen. Möglicherweise erfahren wir aus der anstehenden Pressemitteilung der Gemeinde mehr, die sie bis zum 13. März angekündigt hat.
Ich habe aus der Analyse gelernt, dass der Bau des BBZ viel mehr ist als eine reine Ratsentscheidung mit nachfolgenden Umsetzungsprozessen durch die Verwaltung. Stattdessen erfordern solche Projekte sehr viel ehrenamtliches Engagement der Politiker unserer Gemeinde.
—Markus Lorenz aus Schandelah
Danke für die ausführliche Betrachtung.
Zu Herrn Eichenlaub: der war als kommunaler Bürgermeister lange Jahre so unterwegs, dass er von allen Seiten gewählt wurde, unabhängig vom Parteibuch, „nur“ damit er sicher den Posten behält.